VfR Birkmannsweiler 1938 e.V.

Das dynamische Spaß-Duo aus Nigeria

13. January 2010 | Autor: freddy

Dunkelhäutige Tischtennisspieler? Das klingt reichlich ungewöhnlich. Ist es aber nicht: In Nigeria ist Tischtennis nach Fußball die zweitwichtigste Sportart. Entsprechend viele Talente gibt es dort. Mit Thomas Ogunrinde und Adedapo „Dapo“ Akiode spielen gleich zwei herausragende Afrikaner beim Oberligisten VfR Birkmannsweiler. Und fühlen sich pudelwohl.

 

Es ist unmöglich, diese beiden nicht auf Anhieb sympathisch zu finden. Spitzenspieler Ogunrinde und der regelmäßig an Position zwei auftrumpfende Akiode lachen gerne und ausgiebig. Besonders über Witze auf Kosten des jeweils anderen. Sinniert der für seine 50 Jahre unfassbar jung aussehende Ogunrinde darüber, dass er gerne seine Karriere im beschaulichen Birkmannsweiler beenden würde, kommentiert das sein Teamkollege mit Blick auf das Alter prompt mit: „Rentenvertrag!“ Redet der 27-jährige Akiode darüber, dass gleich mehrere Vereine, für die er in Deutschland gespielt hat, pleitegegangen sind, tichelt Ogunrinde breit grinsend: „Er war schuld, er hat zu viel gekostet!“

 

Und dann gibt es noch einen Dritten im lustigen Bunde, mit dem die Nigerianer gerne Schabernack treiben, und der die Bälle mit schwäbischem Humor zurückspielt: VfR-Abteilungsleiter Werner Bürkle (65). Die Spieler verwenden Minuten darauf, sich auszumalen, dass der Aufstieg zu schaffen sei, wohl wissend, dass Bürkle denaus finanziellen Gründen auf keinen Fall will. „Aufsteigen wär’ ein Traum, und es ist möglich“, sagt Ogunrinde. „Von wegen, jetzt isch Schluss!“, kontert Bürkle. „Doch, es geht!“, sagt Akiode. „Noi, des ko mr nemme zahla, do kriegsch nur d’Gosch voll! I ben jetzt scho am Kratza, dass i s’Geld zammakriag!“, sträubt sich Bürkle. „Es ist möglich!“, bekräftigt Ogunrinde. „Noi! Vorher stell i euch a Krücke in’d Mannschaft nai oder spiel selber mit!“

 

So spaßig der Dialog auch ist – der VfR spielt zur Freude aller eine tolle Saison. Auch in den vergangenen Partien, als Ogunrinde wegen einer Meniskusverletzung nicht mit dabei war, kam das Team immer wieder zu Punkten. Derzeit steht Birkmannsweiler auf Tabellenplatz vier, sechs Zähler hinter dem Spitzenreiter TSV Wendlingen. Ogunrinde ist trotz seines für einen Sportler hohen Alters an der Spitzenposition nach wie vor nur schwer zu schlagen und hofft, zum Rückrundenauftakt am 23. Januar in eigener Halle gegen den Tabellenachten Gnadental wieder fit zu sein.

 

Der gut Deutsch sprechende 50-Jährige hat eine beeindruckende Karriere hingelegt. Zehn Jahre lang war er Mitglied in der nigerianischen Nationalmannschaft und wurde 1984 Afrikameister. Über einen Freund kam er 1986 nach Deutschland und spielte zunächst für einen Verein in Wittlich bei Trier nur auf Bezirksebene. Viel zu wenig für seine Fähigkeiten: Bei einem Turnier in Trier gewann er gegen den damaligen deutschen Nationalspieler Peter Franz und den heutigen Bundestrainer Richard Prause. „Da kamen alle Leute zu mir und haben gesagt: ,Du kannst zweite Liga spielen‘.“

 

Thomas Ogunrinde spielte mit Bayreuth in der ersten Liga In der zweithöchsten Spielklasse war Ogunrinde für den TTC Alzenau und den 1. FC Bayreuth aktiv und spielte mit Letzterem von 1994 an sogar zwei Jahre lang in der ersten Bundesliga. Der Nigerianer war der erste afrikanische Spieler in der höchsten deutschen Liga überhaupt. In den anschließenden zehn Jahren folgten die Stationen Offenburg (zweite Liga, Regionalliga) und Freiburg (Regionalliga, Oberliga). Dann kam der Wechsel zum gerade in die Oberliga abgestiegenen TTC Wehr (bei Weil am Rhein) – und der Auftritt von Werner Bürkle. Denn der TTC warf die Brocken hin, die Spieler mussten sich neue Vereine suchen. Auf Ogunrindes Name stieß der VfR-Abteilungsleiter im Internet. „Da han i dacht, da muss i a Attacke macha.“

 

Der Afrikaner war einverstanden, stellte aber eine Bedingung: Der VfR sollte ihm eine Arbeitsstelle besorgen. Der Abteilungsleiter rechtfertigte das Vertrauen und brachte Ogunrinde zunächst in einem Betrieb in Ludwigsburg als Verpacker von Ventilen unter. Dort machte der Spieler eine bittere Erfahrung mit Rassismus. „Er wurde als dunkler Mann von einem Kollegen gemobbt“, sagt Bürkle. „Der Chef war aber in Ordnung“, fügt Ogunrinde schnell hinzu, er sei immer korrekt bezahlt worden. Heute arbeitet er in einer Firma in Birkmannsweiler und spielt nun seit vier Jahren für den VfR. „Rentenvertrag!“, wirft Akiode erneut ein und lacht schallend.

 

Der afrikanische Jugendmeister von 1997 ist seit 1999 in Deutschland und war für mehrere Vereine unter anderem in der Regionalliga aktiv. Zu Beginn der laufenden Saison kam er vom Ligakonkurrenten TV Bad Rappenau zum VfR. Bürkle war auf die gute Bilanz des Nigerianers aufmerksam geworden und sagte in gewohnt kumpelhafter Art zu Ogunrinde: „Hol’ mir den!“ Das ging problemlos, denn die beiden Afrikaner stammen aus demselben Dorf, Abeokuta.

 

Akiode, der inzwischen ebenfalls gut Deutsch spricht und als selbstständiger Gebäudereiniger arbeitet, sagt, der Wechsel habe ihm Glück gebracht. „Ich bin hier mehr als zufrieden. Die Mannschaft hat mich sofort behandelt, als wäre ich schon Jahre hier.“ Sein Spiel habe sich sehr ver-bessert, er lerne viel von Ogrunrinde.

 

Der VfR profitiert ebenfalls sehr von den Nigerianern. Nicht nur spielerisch, sondern auch was die Stimmung angeht: Beim Heimspiel gegen den Aufstiegsfavoriten TTC Frickenhausen II wurde die Mannschaft von trommelnden Landsleuten der Spitzenspieler zum Überraschungssieg getragen. „Einmalig“, sagt Bürkle. Akiode schaut ihn an und wird plötzlich ernst: „Es gibt viele Vereine, aber es gibt wenige Abteilungsleiter, die so ehrlich sind wie er.“ Kein Gelächter von Ogunrinde diesmal, nur stilles, zustimmendes Nicken.

 

Pass-Geschichte

In den 1990er Jahren war in der Tischtennis-Bundesliga nur ein Ausländer pro Mannschaft erlaubt. Als Thomas Ogunrinde mit dem 1. FC Bayreuth
1994 aufstieg, sorgte der Verein dafür, dass der Nigerianer einen deutschen Pass erhielt. So konnte sich der Club mit einem weiteren Akteur aus dem Ausland verstärken.

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